Sonntag, 16. September 2012

Erdställe

Was ist eigentlich ein Erdstall? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Wenn sie ein gutes Lexikon zur Hand haben, finden sie vielleicht die Erklärung, dass es sich dabei um ein im Mittelalter gegrabenes unterirdisches Gangsystem mit kammerartigen Erweiterungen handelt. 

In Bayern ist vor allem die Bezeichnung „Schrazelloch“ verbreitet, da die Gänge stellenweise so eng sind, dass man sich nur vorstellen konnte, sie wären von Zwergen (Schrazeln) gegraben worden. Verbreitet sind sie in Bayern und Österreich, auffallenderweise meist an Orten, wo es keine natürlichen Höhlen gibt und sich der Untergrund für solche Anlagen eignet. Aber auch in Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn kennt man solche Stollen. Erdställe durchziehen oft labyrintisch Kirchberge, Friedhöfe und den Untergrund alter Siedlungsplätze. Typisch sind niedrige Gänge und Kammern, die durch äußerst enge runde Schlupflöcher miteinander verbunden sein können. Kennzeichnend ist auch der scheinbar irrationale Aufbau der Erdställe. Die Gänge sind äußerst verwinkelt und es ist in der Regel kein Schema zu erkennen. Leider haben die damaligen Benutzer nicht die Freundlichkeit besessen, etwas zu hinterlassen, weshalb eine Datierung schwierig ist. Es wird aber angenommen, dass sie etwa im 10. bis 12. Jahrhundert entstanden sind. 

Ein schönes Beispiel eines Erdstalles ist die Anlage von Mittelschneidhart, die 1991 entdeckt wurde. Allerdings wurde der Forscherdrang der Archäologen auf eine harte Probe gestellt, da Gülle eines Bauernhofes in das bei Baggerarbeiten aufgedeckte Loch geflossen war. Die Begehung stellte sich daher naturgemäß als etwas schwierig heraus. Sie lieferte ein Indiz für eine mögliche kultische Nutzung, da man an einer Stelle kurz durch Grundwasser tauchen musste, um in weitere Bereiche des Gangsystems zu gelangen. Die Archäologen vor Ort ließen sich auch davon nicht abschrecken, auch wenn das Wasser immer noch von der Gülle verunreinigt war (was nimmt man nicht alles für die Forschung auf sich). Einige Forscher sehen in solchen Passagen Hinweise auf einen Initiationsritus, allerdings ist dies schwierig zu belegen. Es darf nicht vergessen werden, das die Erdställe offenbar in einem bereits christianisierten Umfeld angelegt wurden. Solche heidnischen Kulte wären wohl kaum von der Kirche toleriert worden. Die gesamte Ausdehung der Mittelschneidharter Stollen konnte aufgrund grabungstechnischer Schwierigkeiten leider nicht ermittelt werden. Allerdings ergab die Grabung, dass der Erdstall vermutlich im 15. Jahrhundert verfüllt wurde.

Neben der kultischen Deutung gibt es aber auch noch andere Theorien. Eine Deutung als Zufluchtsort konnte sich bisher nicht durchsetzen, da ältere oder gebrechliche Menschen größte Schwierigkeiten haben dürften, die Gangsysteme zu passieren. Auch ist der Sauerstoffgehalt in der Luft bei längerem Aufenthalt kritisch, da sich das ausgeatmete Kohlendioxyd an den tiefsten Stellen sammelt. Näher liegt da schon die Interpretation als Leergräber (Kenotaphe). Solche Leergräber wurden in manchen Kulturkreisen angelegt, da man glaubte, dass der Tote oder dessen Seele sich dort aufhalten würden. Die Theorie besagt, dass bei der Neugründung einer Siedlung die Angehörigen einen Platz für ihre Toten haben wollten, die sie nicht mitnehmen konnten. Tatsächlich befinden sich Erdställe oft unter den ältesten Häusern eines Ortes. Doch was auch immer zutreffend ist, ob Ort eines Initiationsritus oder Leergrab, faszinierend sind diese Anlagen in jedem Fall.

Erstveröffentlichung: suite 101.de

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